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Standpunkt: Leiterplattenstecker und -klemmen „Das Rückgrat der ­Vernetzung“

Volker Koppert, Geschäftsbereichsleiter PCB Connectors bei Phoenix Contact, hält seine Produkte für eine schiere Notwendigkeit – und wünscht sich mehr mutige Ideen für disruptive Veränderungen.

eli: Herr Koppert, die gesamte Industrie redet von Digitalisierung und Vernetzung. Hand aufs Herz: Wie digital ist das Geschäft mit passiver Anschlusstechnik?

Koppert: Natürlich denkt man bei diesen Stichwörtern nicht zuerst an Verbindungstechnik. Aber ohne Anschlüsse für Signale, Daten und Leistung funktionieren keine elektronischen Geräte – und damit auch keine intelligent vernetzten Fabriken, Gebäude oder Energieinfrastrukturen. Insofern ist die Verbindungstechnik gewissermaßen das Rückgrat der Digitalisierung und Vernetzung. Und daran richten wir konsequent unser Geschäftsmodell aus.

eli: Wie profitieren Ihre Kunden davon?

Koppert: Aus Kundensicht gedacht sind unsere Produkte letztlich eine Notwendigkeit. Nichts anderes als zum Beispiel Schnürsenkel. Auch hier prägen das Design, die Funktion und die Qualität das Gesamtprodukt. Darüber hinaus vereinfachen Zuverlässigkeit, Bedienfreundlichkeit und Services rund um das eigentliche Produkt den Berufsalltag unserer Kunden. Geräte­designer können online wesentlich schneller ihr passendes Produkt auswählen, technische Eigenschaften konfigurieren oder ein Design-in-Muster anfordern. Man unterschätzt das schnell, aber heutzutage sind solche Services genauso wichtig wie das eigentliche Produkt. Kürzere Entwicklungsphasen, längerer Produktlebenszyklus, weltweite Verfügbarkeit – das sind Mehrwerte, die sich in der Gesamtkostenbetrachtung auszahlen. Umso mehr, je höher die Stückzahlen sind. Ohne digitalisierte Kundenschnittstellen und vernetzte Produktionsprozesse wären diese Qualität und dieser Servicegrad gar nicht denkbar.

eli: Stichwort Digitalisierung: Ostwestfalen-Lippe ist nicht das Silicon Valley. Was können Großunternehmen und Mittelständler hier von der Start-up-Mentalität dort lernen?

Koppert: Dank Initiativen wie It’s OWL sind wir als Technologiecluster schon vorne mit dabei. Traditionell ist der deutsche Mittelstand aber eher konservativ geprägt und auf Sicherheit bedacht. Wenn Ideen nicht funktionieren, wird das schnell als Scheitern ausgelegt. Und niemand möchte scheitern und dabei vielleicht sogar Verluste einfahren. Das trifft sicher besonders auf Aktienunternehmen zu, die nach Vermögensmehrung und Dividenden trachten. Sich kurzfristig und allein an dem auszurichten, was bisher funktioniert hat, verhindert aber mutige neue Ideen. Und damit auch disruptive Veränderungen, die langfristig neue Spielräume schaffen. Ich würde mir daher wünschen, dass wir noch mehr Mut haben und Misserfolge auch als Teil eines kontinuierlichen Lernprozesses verstehen.

eli: Welche Rolle spielen internationale Standorte wie China oder die USA für die anhaltende Wettbewerbsfähigkeit?

Koppert: Als Absatzmärkte sind sie unverzichtbar. Nach Deutschland sind die USA und China die größten Einzelmärkte für Automatisierungs- und Verbindungstechnik. Aber auch als kulturelle Impulsgeber sind internationale Standorte enorm wichtig. Lokale Märkte sind immer auch ein Blick über den eigenen Tellerrand. Die Start-up-Mentalität ist dafür ein Beispiel.

eli: Welche Schritte plant Phoenix Contact, um erfolgreich zu bleiben?

Koppert: Aktuell entwickeln und erproben wir neue Produkte und Services für die zunehmende Digitalisierung und Individualisierung der Produktion. Die Vision dahinter: durch den gezielten Einsatz neuester Technologien die Vernetzung unserer Welt prägen.

eli: Reden wir über diese Technologien. Was war für Sie die wichtigste Entwicklung der vergangenen Jahre?

Koppert: Für mich hat der 3D-Druck disruptiven Charakter. Noch vor wenigen Jahren hat unser eigener Werkzeugbau im 3D-Druck einfache Ersatzteile oder Prototypen aus Plastik hergestellt. Heute gibt es praktisch keine Grenzen mehr – weder bei den verwendeten Materialien noch bei den möglichen Formen und Größen. Die additive Fertigung hat das Potenzial, nicht nur die eigentliche Produktion zu revolutionieren. Entwicklungszyklen werden beschleunigt, Logistik- und Lieferketten straffer und selbst das Patentrecht wird durch frei verfügbare 3D-Modelle tangiert.

eli: Und eine Technologie auf dem Gebiet der Leiterplattenanschlüsse?

Koppert: Wie gesagt: Leiterplattenanschlüsse sind eine Notwendigkeit. Schnellanschlusstechnologien wie Push-in, die Hebelbedienung oder immer höhere Stromtragfähigkeiten bieten zuvor nicht gekannten Komfort. Ich denke aber, dass Services wie Konfiguration, Individualisierung oder Augmented Reality unser Geschäft künftig ebenfalls stark prägen werden.

eli: Im vergangenen Jahr hat Phoenix Contact Board-to-Board-Stecker ins Portfolio aufgenommen. Warum?

Koppert: Kompakte Board-to-Board-Steckverbinder sind die konsequente Ergänzung unseres Produktprogramms. Mit den Finepitch-Serien bieten wir nun auch tiefer in die Schaltungssystematik integrierte Verbindungslösungen an. Gerätehersteller erhalten damit die gesamte Verbindungstechnik von Phoenix Contact. Das erlaubt eine neue Modularität und damit effizientere Entwicklungs-, Produktions- und Logistikprozesse.

eli: Was ist denn das Besondere an der Scale-X-Technologie?

Koppert: Das neu entwickelte Kontaktsystem ist mechanisch besonders robust. Die Technologie eignet sich für den automatisierten SMT-Prozess, da sie hohe Toleranzen bei produktions- oder montagebedingt abweichend positionierten Messer- und Federleisten erlaubt. Zudem vergrößern die speziell geformten Gullwings die Auflagefläche auf den Lötpads und verbessern so die Stabilität zwischen Steckverbinder und Leiterplattenoberfläche.

eli: In diesem Jahr haben Sie das Programm weiter ausgebaut. Wie viel Potenzial sehen Sie noch im Vergleich zu herkömmlichen Leiterplattenanschlüssen?

Koppert: Der Trend geht zu noch kompakteren und leistungsfähigeren Geräten. Für die geräteinterne Übertragung von Signalen, Daten und Leistung sind zuverlässige Board-to-Board-Steckverbinder schlicht unerlässlich. Insofern sehe ich für Phoenix Contact in diesem Markt noch ein großes Potenzial. Der Vorteil für den Gerätehersteller ist, dass er bei Phoenix Contact die komplette Anschlusstechnik für sein Gerät aus einer Hand bekommt und sich auf die gleichbleibend hohe Qualität verlassen kann.

eli: Welche Marktregion ist zurzeit für Ihren Geschäftsbereich die dynamischste?

Koppert: Im vergangenen Jahr war Russland für unsere Business Area einer der dynamischsten Märkte. Trotz der weiterhin angespannten internationalen Beziehungen erwarten wir dort auch in diesem Jahr noch Wachstum in der Industrie, der Prozessautomation und der Energiewirtschaft. Der Hauptmarkt für unseren Geschäftsbereich ist und bleibt aber Deutschland.

eli: Welche Anwendungen stehen für Sie im Fokus?

Koppert: Grundsätzlich benötigen alle industrieelektronischen Geräte Schnittstellen zur Übertragung von Signalen, Daten und Leistung. Unsere Kunden entwickeln zum Beispiel Steuerungen, I/Os oder Stromversorgungen für die klassische Industrieautomatisierung, die Prozesstechnik – aber auch für Neue Energien, Infrastrukturanwendungen, ITK oder die Gebäudeautomatisierung.

eli: Was glauben Sie, wie die Leiterplattenanschlüsse in diesen Branchen im Jahr 2050 aussehen werden?

Koppert: Wenn ich die Antwort heute schon wüsste, würde ich mir keine Gedanken mehr über meine Altersvorsorge machen.

eli: Und im Jahr 2025?

Koppert: Ich gehe davon aus, dass der Bedarf an leistungsfähigen Datenschnittstellen noch zunehmen wird. Sowohl für Kupferleiter als auch für LWL werden also neue Lösungen notwendig. Abgesehen davon glaube ich aber nicht, dass sich nur eine Technologie durchsetzen wird. Leiterplattenanschlüsse haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark differenziert, weil sich die Anforderungen der Kunden, Branchen und Märkte deutlich unterscheiden. Den einen Anschluss für alle gibt es nicht – und wird es auch 2025 nicht geben.

eli: In welchem Gerät würden Sie gerne Anschlusstechnik von Phoenix Contact sehen?

Koppert: In dem Gerät, das unser Verständnis von Automatisierung ähnlich revo­lutioniert wie 2007 das erste iPhone unsere Vorstellung vom Mobiltelefon. Bis dieses Next Big Thing entwickelt wird, freue ich mich über jedes Gerät mit Combicon Inside.

eli: Vielen Dank für das Gespräch.

Phoenix Contact Deutschland GmbH,
Flachsmarktstraße 8,
32825 Blomberg,
Tel. 05235 312000,
E-Mail info@phoenixcontact.de,
www.phoenixcontact.de
Volker Koppert, Jahrgang 1966, hat Elektrotechnik mit Schwerpunkt Nachrichtentechnik an der Technikakademie in Braunschweig sowie dem North West Institute in Wrexham/GB studiert. Anschließend absolvierte Koppert ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Paderborn und der University of Pittsburgh/USA. Seine Laufbahn bei Phoenix Contact begann Koppert 2007 als Leiter Sales & Marketing der Business Unit Device Connection Technology. 2011 wurde er zum Direktor Sales & Marketing der Division Device Connectors berufen und ist seit dem 01.10.2013 Leiter der Business Unit PCB Connectors in der Business Area Device Connectors.
Der gelernte Elektriker, der nach der Ausbildung bei Siemens Nachrichtentechnik und BWL studierte, hat das erste elektronische Stellwerk in Deutschland eingeschaltet und war beteiligt am Aufbau der Zugstrecke des ICE zwischen Madrid und Sevilla in Spanien.
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