Forschung -

Ökobilanzierung für Elektronikprodukte

Jedes elektronische Erzeugnis, so nützlich es sein mag, kommt mit einem schweren ökologischen Rucksack daher: Von der Rohstoffgewinnung über Designentscheidungen bis zur Verwendung und Entsorgung hinterlässt jeder Schritt Spuren in der Umwelt. Forschende am Fraunhofer IZM analysieren anhand standardisierter Maßstäbe und ISO-Normen den gesamten Lebenszyklus und entwickeln Optimierungsvorschläge.

Ökobilanzierungen umfassen komplexe Faktoren und möglichst alle vorstellbaren Szenarien. Bei der Bewertung zählt der Energiebedarf des Geräts, genauso aber die Reparaturen die Instandhaltung sowie Recycling oder Entsorgung. „Es ist von grundlegender Bedeutung nicht nur ein Verständnis für die Analyse, sondern auch für die Technologien, um die es geht, zu haben. Nur dann lassen sich lösungsorientierte Designverbesserungen, geeignete Kennziffern und Anforderungen an die Zulieferkette ableiten“, betont Karsten Schischke, Experte für Umweltbewertung und Ecodesign am Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM.

Das Fraunhofer IZM qualifiziert sich hierbei aufgrund langjähriger Erfahrung mit der Mikroelektronik, um als unabhängiger Dritter solche Analysen für Unternehmen durchzuführen. Anhand der einschlägigen Normen ISO 14040, 14044 sowie 14064-3 zu Ökobilanzierung und Umweltmanagement [1] bewerten und verifizieren die Forschenden am Fraunhofer IZM die Bilanzen Dritter und tragen vor allem zur ökologischen Optimierung von Produkten und Prozessen bei. So weisen sie darauf hin, welche Stoffe substituiert oder welche Prozesse verändert werden müssen. Die Aufstellung einer Ökobilanz ist aber kein Prozess von fünf Minuten. Ein Beispiel: Im Rahmen eines Auftrags sollten die Expertinnen und Experten des Fraunhofer IZM eine Ökobilanz für das nachhaltig entwickelte Smartphone namens Fairphone aufstellen. Dessen Besonderheit: Mehrere Komponenten sind modular verbaut, sodass sie bei einem Ausfall leicht auszutauschen sind. Die Nutzer werden somit animiert, das Fairphone reparieren zu lassen, statt sich ein neues anzuschaffen. Die vielschichtige Studie des Fraunhofer IZM zeigte, dass trotz eines nachhaltigen Produktdesigns das Fairphone in der Herstellung zunächst größere Umweltbelastungen bewirkt als vergleichbare Produkte, da für die modulare Zusammensetzung zunächst mehr einzelne Komponenten hergestellt werden. Trägt diese Modularität wiederum zu einer längeren Lebensdauer des Gesamtprodukts bei, schlägt die Bilanz ins Positive um. Ob dies auch für die Nachfolgegeneration – das Fairphone 3 – gilt, wird bei der virtuellen Konferenz ‚Electronics Goes Green‘ vorgestellt, die ab dem 20. August live sein wird. Schischke fasst seine Arbeit wie folgt zusammen: „Das bessere Produkt ist das Ziel, nicht die bessere Bewertung.“ Und er ergänzt: „Ökobilanzen sind dynamisch: Reparierbarkeit, Modularität und Produktdesign – alle Faktoren sollten vom ersten Tag der Entwicklung beachtet werden, um ein nachhaltigeres Produkt zu schaffen“. Schischke und sein Team sehen trotz der Herausforderungen großes Potentzal in der Umweltbewertung: „Klimaneutralität ist für viele Unternehmen schon ein reales Ziel. Doch viele Firmen konzentrieren sich lediglich auf die Auswirkungen der eigenen Fertigung und den eigenen Energiebedarf. Mindestens genauso wichtig ist der Blick auf die Zulieferkette, um mittel- und langfristig nur noch klimaneutrale Komponenten zu beschaffen.

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