Bauelemente -

SCIP-Datenbank hinterfragt Übers Ziel hinaus?

Die Europäische Chemikalienagentur hat eine Datenbank besorgniserregender Stoffe in Erzeugnissen erarbeitet. Anfang Januar 2021 wird sie verpflichtend; auch die Elektronikdistributoren stehen damit in der Verantwortung. FBDi-Geschäftsführer Andreas Falke wirft einen kritischen Blick auf die Regelungen und ihre Umsetzbarkeit.

Ab Januar nächsten Jahres sind Hersteller und Lieferanten von SVHC-haltigen Erzeugnissen (Substances of Very High Concern, besonders besorgniserregende Stoffe) dazu verpflichtet, die gemäß REACH-Verordnung Artikel 33 (1) erforderlichen Informationen zu den Stoffen der REACH-Kandidatenliste in die sogenannte SCIP-Datenbank (Substances of Concern in Products) einzutragen. Rechtsgrundlage dafür ist die überarbeitete EU-Abfallrahmenrichtlinie (2009/98/EG). Mit der Erstellung der SCIP-Datenbank hat die EU die European Chemicals Agency, kurz Echa, beauftragt. Warum unter anderen der FBDi diese Aktion als kritisch bewertet, erläutert Geschäftsführer Andreas Falke.

eli: Herr Falke, welches Ziel verfolgt die Echa mit dieser neuen Datenbank, und wem soll sie nützen?

Falke: Grundsätzlich steht dahinter eine gute Sache, denn die Maßnahmen zielen auf das Wohl der Umwelt und die menschliche Gesundheit ab. Sie reichen von der Verringerung von schadstoffhaltigem Abfall über ein verbessertes Risikomanagement im Rahmen der Abfallbehandlung bis zu einer dadurch höheren Recyclingqualität. Zudem soll der Ersatz von SVHCs gefördert werden. Von der höheren Transparenz des Schadstoffgehalts in Produkten profitiert die Verbraucheraufklärung. Zugriff auf die SCIP-Datenbank sollen Abfallwirtschaftsbetriebe und – auf Anfrage – auch Verbraucher erhalten.

eli: Was bedeutet das für die Distribution, wie ist sie davon betroffen?

Falke: Hersteller oder Lieferanten von SVHC-haltigen Erzeugnissen müssen ab dem 5. Januar 2021 verpflichtend Informationen zu diesen Artikeln an die SCIP-Datenbank übermitteln. Egal, ob diese Artikel in der EU hergestellt oder aus Nicht-EU-Ländern importiert werden. Als Importeure von Produkten übernehmen Bauelementedistributoren automatisch die Pflichten eines Herstellers und damit auch die Verantwortung.

eli: Der FBDi hat ja bereits Erfahrungen mit REACH gesammelt, das ja auch aus der Echa-Schmiede kommt.

Falke: Sie sprechen einen wunden Punkt an. Schon der REACH-Guide 4.0 zur REACH-Verordnung EG1907/2006 der EU, für den die Echa verantwortlich war, schlug im Mai 2017 hohe Wellen.

eli: Was genau hat Ihnen daran missfallen?

Falke: Er war zum einen nicht klar verständlich; zum anderen enthielt er Regelungen, deren Umsetzung nicht realisierbar war. Das hatte auch Orgalime, der Dachverband der europäischen Investitionsgüterindustrie, belegt. Bei genauem Blick auf die Handhabung stellte sich heraus, dass – wenn jeder Bestandteil eines komplexen Objekts, etwa einer Leiterplatte, auf seine ursprünglichen Erzeugnisebene heruntergebrochen werden muss – für jede Ebene eine eigene Stückliste, die BOM, notwendig ist. Das macht also bei drei Ebenen drei BOMs oder eine BOM-BOM-BOM-Liste. Ein ganz unglaublicher Aufwand. Keiner, der im praktischen Alltag mit REACH zu tun hat, würde so etwas verlangen.

eli: Und nun befürchten Sie ähnliche Schwierigkeiten?

Falke: Wir sind wirklich sehr enttäuscht von der aktuellen Konzeption der SCIP-Datenbank durch die Echa. Wieder gibt es grobe Ungereimtheiten in der Datenabfrage. Basierend auf den uns derzeit vorliegenden Informationen – Stand Mai 2020 – haben wir unsere Mitgliedsunternehmen zum erwarteten Aufwand befragt: Im schlimmsten Fall rechnet man mit bis zu mehreren Mannjahren, unabhängig vom IT-Einmalaufwand. Branchenkenner wissen, dass bei komplexeren Baugruppen die Angaben der Hersteller oftmals nicht bis auf die Bauteilebene reichen, also werden SVHCs nicht richtig angeführt. Vor allem Distributoren mit höherem Anteil von komplexeren Modulen im Produktportfolio rechnen mit einem deutlich höheren Arbeitsaufwand, als ihn die EU bei der Beschlussfassung zur SCIP-Datenbank abschätzte. Dazu kommt: Wir müssen uns wieder mit Unklarheiten und unverhältnismäßigem Aufwand herumschlagen.

eli: Wo sieht der FBDi Knackpunkte bei der SCIP-Datenbank?

Falke: Die aktuelle Version der SCIP-Datenbank verlangt Angaben, die deutlich über die Vorgaben der Gesetzgebung hinausreichen. Es ist zu befürchten, dass der bürokratische Aufwand und das benötigte Personal für einen mittelständischen Distributor nicht zu stemmen sind. Dahinter steht nicht nur die Komplexität der Produkte, sondern auch Multiple Sourcing und Revisionsänderungen auf Bauteileebene. Wie erwähnt, ist es hier nicht ungewöhnlich, dass die notwendigen Informationen in der geforderten Tiefe nicht zur Verfügung stehen. Auch fehlt die Möglichkeit, auf bereits eingetragene Bauteile zu verlinken oder diese zu kopieren und die Vorgabe aller Varianten eines Endprodukts als separates Produkt zu betrachten. Wenn wir davon ausgehen, dass die Branche frühestens im Herbst auf die SCIP-Datenbank – in welcher Form auch immer – zugreifen kann, ist die Frist bis zum 5. Januar 2021, wenn die Übermittlung der Information verpflichtend wird, keinesfalls realistisch. Wie sollen sich die Distributoren und anderen Unternehmen angemessen vorbereiten können?

eli: Was ist dann Ihr Lösungsvorschlag?

Falke: Natürlich unterstützen wir als FBDi die Bemühungen der EU, den Binnenmarkt vor SVHC zu schützen. Auch eine ökologisch gestaltete Entsorgung nicht nur kritischer chemischer Substanzen im Rahmen der Abfallrahmenrichtlinie liegt uns am Herzen. Aber wir sehen die SCIP-Datenbank in der jetzigen Version nicht als Lösung. Wir halten ihre Durchführung für nicht realisierbar, sondern stellen die Einführung infrage. Damit stehen wir übrigens nicht allein da – auch andere Verbände wie Bitcom, VDMA und ZVEI teilen unsere Einschätzung: Aus Sicht der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie ist der Aufwand, den die Bereitstellung der zusätzlichen Daten erfordert, nicht zu rechtfertigen, zumal ein Nutzen für die Abfallwirtschaft bezweifelt wird. Wir würden es begrüßen, wenn das Projekt SCIP von den verantwortlichen Stellen zeitlich zurückgestellt würde, zugunsten einer Überprüfung und Nachbesserung der Datenbankstruktur. Besser rechtzeitig optimiert, als unausgereifte Projekte an die Öffentlichkeit zu bringen. Eine Nachjustierung ist bestimmt ein professionellerer Ansatz und käme der gesamten Elektronik und Elektrotechnik zugute.

eli: Danke für das Gespräch.

FBDi e.V.,
Nassauische Straße 65a,
10717 Berlin,
Tel. 0174 8702753,
E-Mail a.falke@fbdi.de,
www.fbdi.de
Weitere Downloads zu diesem Artikel
Firmeninformationen
Weitere Beiträge zum Thema Bauelemente
Alle Artikel des Ressorts
© elektronikinformationen.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten