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Herausforderungen und Chancen in der Krise Wird das Jahr 2020 ein verlorenes Jahr?

elektronik informationen fragt Graham Maggs, Vice President EMEA Marketing bei Mouser Electronics, nach seiner Sicht auf die derzeitige Entwicklung der Elektronikindustrie und des Distributionsgeschäfts.

eli: Herr Maggs, wie bewerten Sie die Entwicklung in der Elektronikindustrie im ersten Halbjahr 2020?

Maggs: Es liegt auf der Hand, dass wir uns in beispiellosen Zeiten befinden, in denen die Weltwirtschaft mit den Folgen von Covid-19 zu kämpfen hat. In den meisten Industriebereichen sind die Lieferketten betroffen; die Produktion ist unterbrochen und der Zugang zu Rohstoffen schwieriger geworden. Dennoch bin ich der Meinung, dass sich die Elektronikindustrie insgesamt erstaunlich gut hält. Nach wie vor haben wir viel Positives zu berichten. Unsere Branche ist nicht in der gleichen Weise zum Stillstand gekommen wie einige andere Industriezweige. Bei Mouser hier in Europa sehen wir einige positive Anzeichen.

eli: Welche sind das?

Maggs: Wir verzeichnen eine Zunahme sowohl der Bestellungen als auch neuer Kunden, und mehr Menschen kehren an ihren Arbeitsplatz zurück. Einige Segmente haben die Elektronikindustrie im Besonderen vorangebracht. Dazu gehören die Einführung der 5G-Infrastruktur, die ersten Aktivitäten in der Wi-Fi-6-Implementierung, und natürlich hat die Covid-19-Situation, wie zu erwarten war, zu vielen Projekten in der Medizintechnik geführt, sodass Sensoren, Signalkonditionierungs-ICs, Datenwandler und Mikrocontroller alle stärker nachgefragt werden als üblich.

eli: Wie hat sich das Distributionsgeschäft insgesamt entwickelt?

Maggs: Ich kann nicht für andere Distributoren sprechen, aber ich denke, wir sind uns alle einig, dass die erste Hälfte dieses Jahres sehr ereignisreich war, und wir erwarten, dass andere Distributoren ähnliche Auswirkungen und Herausforderungen erlebt haben wie wir. Die Intensität dieser Auswirkungen wird davon abhängen, welche geografischen Regionen sie abdecken und welche Industriesektoren sie bedienen. Für uns selbst hat das Jahr gut begonnen, und dann wurde das Geschäft schwächer, als China in den Stillstand geriet. Als Reaktion darauf erlebten sowohl Europa als auch Nordamerika zunächst einen Aufschwung, da wir alle sahen, was in China passierte und jeder begann, sich auf die Pandemie vorzubereiten. Als dann unsere Volkswirtschaften anfingen, in den Lockdown zu gehen, nahm das Geschäft in China überraschend schnell wieder Fahrt auf, da Hersteller und Zulieferer hart arbeiteten, um wieder auf Touren zu kommen.

eli: Wird 2020 Ihrer Meinung nach ein ver­lorenes Jahr sein, oder sehen Sie Wachstumspotenziale für die zweite Jahreshälfte?

Maggs: Ein verlorenes Jahr wird es ganz und gar nicht. Es ist nur so, dass die Wachstumsbereiche nicht unbedingt dort liegen werden, wo wir sie prognostiziert hatten. Aufgrund wichtiger Markttrends, von denen wir wussten, dass sie sich abzeichnen, hatten wir ein starkes Jahr erwartet. Einige davon, wie 5G, haben sich fast unvermindert fortgesetzt, aber andere sind noch nicht eingetreten.

eli: Die Pandemie hat ja eine wahre Welle des technischen Einfallsreichtums erlebt.

Maggs: Ja, auf der ganzen Welt gibt es Erfolgsgeschichten über unerwartete Kooperationen bei Beatmungsprojekten, wobei viele nicht medizinische Unternehmen ihre Einrichtungen oder neue Lösungen anbieten, um während der Pandemie zu helfen. Darüber hinaus gibt es viele innovative Opensource-Designs, die bei der Bekämpfung von Covid-19 nützlich sind. Die Lieferungen von Mouser an kleine und mittlere Unternehmen, die elektronische Produktionsdienstleistungen, also EMS, erbringen, haben sich positiv entwickelt, und auch unser großvolumiges EMS-Geschäft hat erheblich zugenommen. All dies sind ermutigende Anzeichen dafür, dass 2020 immer noch ein gutes Jahr für Mouser und die Elektronikindustrie werden kann.

eli: Wo sehen Sie in diesem Jahr – neben Medizin und Wireless-Konnektivität – die leistungsstärksten Segmente in der Elektronikindustrie?

Maggs: Auf die Produkte heruntergebrochen, haben wir insbesondere ein Wachstum bei analogen ICs, MCUs, Verbindungskomponenten und einigen passiven Bauelementen – Induktivitäten und Widerständen – verzeichnet. Auch unser Hobby- und Studentengeschäft trägt wesentlich dazu bei. Es hat um mehr als 15 % zugelegt, da die Leute die zusätzliche Freizeit nutzen möchten, die ihnen jetzt zur Verfügung steht und sich Elektronikprojekten widmen. Neben Studenten, Hobbyisten und professionellen Makern finden sich plötzlich auch die Entwicklungsingenieure der OEMs zu Hause wieder. Sie kaufen Hardware direkt von uns, damit sie weiter an ihren Aufgaben arbeiten können. Die Lieferungen von Entwicklungsboards und Evaluierungskits sind daher zahlreicher als je zuvor.

eli: Welches waren für Sie die größten Herausforderungen in den letzten Monaten und während der Coronakrise?

Maggs: Ich denke, die größte Herausforderung, mit der die Lieferkette der Elektronikindustrie in den letzten Monaten konfrontiert war, war die eingeschränkte Transparenz. Es gab Befürchtungen wegen Verzögerungen an den Fertigungsstandorten in Asien sowie Unsicherheiten hinsichtlich der Endkundennachfrage bei uns. Man muss darauf hinweisen, dass es sich hier um eine wirtschaftliche Situation handelt, wie sie die Welt zuvor noch nie gesehen oder durchlebt hatte. Der Versuch, exakte kurz- oder sogar mittelfristige Prognosen auf der Grundlage dessen zu erstellen, was in früheren Wirtschaftsabschwüngen geschehen ist, funktioniert einfach nicht. Im asiatisch-pazifischen Raum geht es bereits wieder aufwärts, und es besteht die Hoffnung, dass sich hier in der EMEA-Region in den kommenden Monaten ein ähnlicher Aufschwung fortsetzen wird – aber es ist Vorsicht geboten.

eli: Was lief denn schlechter als erwartet?

Maggs: Die Produktkategorien, die für uns in dieser Zeit überraschend schwach waren, sind Kondensatoren und diskrete Leistungsbauteile. Wir hatten bei beiden für 2020 ein erneutes Wachstum erwartet, aber das ist bisher nicht eingetreten. Auch dem Automobilsektor wurde ein starkes Wachstum prognostiziert; das ist aber erheblich schwächer ausgefallen als man vor dem Ausbruch der Pandemie annahm. Das Niveau der Entwicklungsaktivitäten im Automobilsektor ist jedoch nach wie vor hoch, und das stimmt uns etwas optimistisch.

eli: Welche Erkenntnisse oder neuen Optionen haben sich aus diesen Umständen ergeben?

Maggs: Selbst angesichts dieser weltweiten Krise hat die Entwicklungsarbeit nicht aufgehört. Sie geht weiter, und zwar ungeachtet der Hindernisse, mit denen sie konfrontiert ist. Die Tatsache, dass Ingenieure nicht physisch am selben Ort anwesend sein können, hindert sie nicht daran, ihre Entwicklungsprogramme voranzutreiben. Wenn wir mit unseren Kunden und Lieferanten sprechen, ist klar, dass sie ihr Tagesgeschäft sehr effektiv abwickeln können. Der Einsatz von Plattformen wie Microsoft Teams und Zoom war hier der entscheidende Faktor – es können immer noch Ideen ausgetauscht und Pläne geschmiedet werden, und es wird mit neuen Lösungen und Prozessen experimentiert, oft mit großem Erfolg. Einerseits ist es eigentlich nicht so problematisch, Entwicklungsarbeiten in einer virtuellen Umgebung durchzuführen, wenn die richtigen Werkzeuge zur Verfügung stehen. Andererseits werden die Unternehmen ihre Best Practices neu definieren und neue Ansätze aufgreifen, die sich als sinnvoll erwiesen haben. Nach vorne blickend hoffe ich, dass die Elektronikindustrie stärker und besser in der Lage sein wird, künftige Herausforderungen zu meistern.

Danke für das Gespräch.

Mouser Electronics Inc.,
lsenheimerstraße 11,
80687 München,
Tel. 089 520462110,
E-Mail muenchen@mouser.com,
www.mouser.com
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